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Internationale Tagung: "Leerstelle transkulturell. Theoriegeschichte und Methodenvielfalt", 21.–22. Mai 2026

Tagung_Leerstelle_Flyer_und_Programm pdf

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Organisation: Jan Knobloch (Univ. zu Köln), Roman Widder (HU Berlin)

Fritz Thyssen Stiftung, Apostelnkloster 13-15, 50672 Köln

Um Anmeldung wird gebeten unter: 

widderrx(at)hu-berlin(dot)de

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Seit den rezeptionsästhetischen Arbeiten der 1970er Jahre hat sich der Begriff der Leerstelle als vielseitig nutzbarer Grundbegriff kulturwissenschaftlicher Arbeit etabliert. Er bezeichnet Auslassungen und Ambiguitäten in literarischen Texten, welche die imaginative Aneignung der Textwelt durch Leser:innen überhaupt ermöglichen. Während in den Literaturwissenschaften keineswegs Konsens darüber besteht, wo und wie die methodische Trope der Leerstelle in Texten zu lokalisieren ist, hat sich der Begriff in anderen Disziplinen als durchaus anschlussfähig erwiesen: Von den Film- und den Musikwissenschaften über die Medien- und Kulturwissenschaften bin hin zu Didaktik oder Theologie. Es scheint, als sei die multiperspektivische Erweiterung des Begriffs diesem selbst eingeschrieben. Tatsächlich unterscheidet schon Wolfgang Iser die „politische, kommerzielle und ästhetische Nutzung“ von Leerstellen.

Die Tagung geht von der Vermutung aus, dass sich historisch und medial sehr diverse Leerstellenkulturen herausgebildet haben. So haben schon im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts spezifische Formen des Textabbruchs die Grenze des Theologischen markiert. Als eine weitere Leerstellenkultur ließe sich die bundesrepublikanische Nachkriegszeit begreifen, die mit der Entstehung einer Erinnerungskultur nach der Shoah ihrerseits als Kontext für die Entstehung des rezeptionsästhetischen Leerstellenbegriffs gelten dürfte. Dessen spezifische Affordanz hat sich schließlich gerade mit Bezug auf eine populäre Ästhetik der memorialen Leerstelle in der Literatur und den Künsten erwiesen. Dieser Befund lädt ein, danach zu fragen, wie das historiographische Erzählen selbst mit Lücken, Auslassungen und Arealen des Nichtwissens umgeht. In Zeiten neuer erinnerungspolitischer Konkurrenzen scheint es geboten, in diese Diskussion auch koloniale Semantiken einzubeziehen, in deren Zentrum mit der Stilisierung des „leeren“ Raumes selbst ein wiederum anders gelagerter Leerstellendiskurs steht, exemplarisch in den Literaturen Lateinamerikas. Die Leerstelle erweist sich somit als Schlüsselkonzept für ein zeitgemäßes Verständnis theoretischer und erinnerungspolitischer Hegemoniekämpfe. Aber lässt sich die immersive Funktion ästhetischer Leerstellen mit den historiografischen Lücken oder der kolonialen Dimension gewaltvoller Invisibilisierung überhaupt ins Verhältnis setzen? Und wenn ja, was bedeutet es, dass auch nicht-fiktionale Texte und womöglich die Theorie selbst auf Leerstellen angewiesen sind?

Die Tagung sondiert die Breite von disziplinär unterschiedlich gelagerten Leerstellendiskursen und fragt zugleich nach konkreten Phänomenen, an denen sich die Haltbarkeit des Konzepts heute prüfen lässt. Die Theoriegeschichte der Leerstelle wird dabei in transkultureller und disziplinenübergreifender Hinsicht erweitert. 50 Jahre nach Erscheinen von Wolfgang Isers Der Akt des Lesens (1976) kann so der Stand einer posthermeneutisch orientierten Kulturtheorie ausgelotet werden. 

 

Programm

21. Mai 2026

09.30 Uhr: Begrüßung, Einführung

Panel I: Theorie der Leerstelle / Leerstellen der Theorie

Moderation: Roman Widder

10.00 Uhr: Fritz Breithaupt: Die Ersterfahrung als Leerstelle: Was wir beim „ersten Mal“ alles nicht verstehen und was wir daraus machen

10.45 Uhr: Judith Niehaus: Kopräsenz imaginieren: Der „Akt des Lesens“ als Herstellung geteilter Gegenwart

11.30:  Kaffeepause

12.00 Uhr: Jan Knobloch: Essayistische Leerstellen

12.45 Uhr: Nina Verheyen: Leerstellen markieren. Geschichtstheoretische Anmerkungen am Beispiel von Regina Schillings Essayfilm Kulenkampffs Schuhe

13.30: Mittagspause

Panel II: Lücken der Erinnerung / Leerstellen der Geschichte

Moderation: Annika Nickenig 

15.00 Uhr: Dirk van Laak: Vom historischen Umgang mit Freiräumen, Leerstellen und anderen Ambiguitäten

15.45 Uhr: Marcus Twellmann: Juden repräsentieren um 1980. Leerstellen der ‚neuen Geschichtsbewegung‘

16.30: Kaffeepause 

17.00 Uhr: Davide Giuriato: Der Herrscher, die Fliege und die leere Mitte

17.45 Uhr: Liliana Gómez: Leerstellen, Amnesie und anarchische Erzählungen: Ästhetische Praktiken und Erinnerungskulturen des Globalen Südens 

19.00: Konferenzdinner

22. Mai 2026

Panel III: Leerstellenkulturen

Moderation: Jan Knobloch

09.30 Uhr: Roman Widder: Multiperspektivität und Leerstelle

10.15 Uhr: Philip Iser: Leerstellen als konstitutives Merkmal mehrsträngigen Erzählens

11.00: Kaffeepause

11.30: Benjamin Loy: Horror vacui: Zur strukturellen Dialektik von Absenz und Exzess in Memoria-Texten über die lateinamerikanischen Militärdiktaturen

12.15: Gesine Müller: Leerstelle versus kollektive Identität: Doce cuentos peregrinos von G. García Márquez

13.00: Mittagspause

Panel IV: Figuren und Verfahren

Moderation: Till Breyer

14.30 Uhr: Linda Waack: Ein Abgang, der einen leeren Bildausschnitt hinterlässt. Cyril Schäublins Unruh (2022)

15.15 Uhr: Tomás Epifani: Phenomenological Prefigurations of the Leerstelle: Ambiguity, Mediality, and Indirect Expression in Maurice Merleau-Ponty

16.00: Kaffeepause 

16.30 Uhr: Eva Eßlinger: Poetik der Leerfläche in der Gegenwartsliteratur

17.15 Uhr: Annika Nickenig: Familie als Fragment. Störungen, Brüche und Auslassungen im genealogischen Erzählen der Gegenwart

18.00 Uhr Abschluss